05.04.2016Text Hans Brinkmann

2016 Chemnitz Galerie Laterne Vernissage Holger Koch Text Hans Brinkmann

Meine Damen und Herren! Im Jahr 1999 schrieb ich einmal eine Handvoll Nonsensgedichte für einen Katalog zur Ausstellung von Holger Koch, damals im Leonhardi-Museum in Dresden. Das kleine Heftchen ist überraschenderweise im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek unter meinem Namen aufgeführt und ich gebe es gern in meiner Bibliographie an, obwohl der Titel gar nicht von mir stammt und eigentlich ja Abbildungen von Holger Kochs Gemälden im Mittelpunkt stehen. Sein Name ist auch viel größer vorne drin gedruckt – zu Recht. Aber es stammt aus einer Zeit, als es noch schwerer war als heute, überhaupt Gedichte publiziert zu bekommen, außerdem ist es ein schön gestaltetes Objekt. Der Titel – deshalb spreche ich die Sache überhaupt an – lautet: Domäne für Dämonen. Ein sehr passender Titel für die Bilderwelt von Holger Koch. Haben wir es doch in ihr mit Haus- und Stadtgeistern zu tun, die ausgesprochen domestiziert wirken. Oft sind es Vögel, manchmal Elefanten, Hasen, aber auch seltsame Schimären: halb Mensch, halb Mobiliar, die alle irgendwie an Kafkas Odradek erinnern. Sie bewohnen eine Menschenwelt, in der die Menschen unsichtbar sind, wahrscheinlich sind sie selbst für gewöhnlich den Menschen unsichtbar. Die gegenseitige Ignoranz ist sehr weit getrieben, ins Bildliche nämlich. Aber böse sind sie nicht, auch nicht untereinander. Es herrscht Frieden. Die Vögel auf den Bildern von Holger Koch benehmen sich wie zivilisierte Leute. Leben und Leben lassen scheint ihr Motto zu sein. Die Flügel haben sie so fest an den Leib angelegt, dass man meinen könnte, sie hätten sie abgelegt. Keiner fliegt, sie versuchen es nicht einmal. Sollten sie doch mal in die Lüfte erhoben sein, dann auf einem Draht oder auf einem Seil stehend, Schreitend oder hüpfend, gern auch auf einer Wäscheleine, wo sie sich für Socken, Hemd und Hose interessieren – Sachen, die sie selbst nicht anziehen würden, denn ihr Federkleid ist das bessere Trikot. Sie scheinen allesamt Artisten einer komischen Kunst. Wie mag beispielsweise, da man sie doch niemals fliegen sieht, der eine da aufs Dach gekommen zu sein? Über die Treppe vermutlich. Haben sie sich derart ins pralle Menschenleben integriert oder parodieren sie es – oder beides? Sind das überhaupt Vögel? Oder hat sich ein Schwarm bunter Apostrophe mit Schnäbeln und Füßen maskiert, um die Grammatik des Ortes mit absurder Interpunktion zu unterlaufen? Ist immer dort, wo jetzt ein Vögelchen rumsteht, einmal ein Vokal verschluckt oder auf englische Art ein Besitz angezeigt worden? Sind das etwa jene Auslassungszeichen, die hierzulande einmal Heikos’s Brutz’lbude und Kathrin’s Internetstüb’l zierten und sich heute, da die Geschäfte längst abgewickelt sind, selber selbstständig gemacht haben als freilaufende Signifikanten? Trillern sie das alte Lied: Wild war der Osten, schwer ist der Beruf? Die Gegenden, in denen sich das abspielt, sind einmal kleinstädtische, deutsche, durchaus sächsische, aber auch mediterrane, in einem Land, vermutlich, wo die Zitronen blühen, sozusagen einem Süden des Herzens. Alles recht malerisch und verwinkelt, mit Ladenschildern und Mond überm Kirchturm. Die Menschen sind in dieser Welt fast nur in Gestalt von Menschenwerk vertreten. Wenn überhaupt leibhaftig, scheinen sie seltsam traumhaft. Verwandelt, als hätten sie sich in ihrer Welt verlaufen. Aus den Städten scheinen sie abgezogen, wohl ausgewandert – oder ausgestorben? Das wollen wir nicht hoffen. Vielleicht schlafen sie auch bloß in den Häusern, zur Nacht oder vormittags lang – oder halten sie Siesta? Jedenfalls haben sie die Draußenwelt den Dämonen überlassen, gewiss keinen Heinzelmännchen, bei allem Fleiß, – die das Unerledigte in Ordnung bringen, auch keinen Poltergeistern, die womöglich die Unordnung noch vergrößern, sondern beispielsweise freundlichen Elefanten, die ihre Rüssel wie Feuerwehrschläuche eingerollt haben und sich selber auf die faule Haut gelegt. Auch diese Dämonen, wenn wir sie denn so nennen wollen, sind Menschenwerk, Menschentraum – aber Traum wovon? Es ist ja nicht so, dass jeder jeden ignorieren würde, nur weil jeder jeden sein eigenes Ding machen lässt ohne Einmischung. – Es gibt schon auch Interaktion. Es gibt Neugier, Staunen, Verblüffung. Aber vor allem jede Menge ungestörte Insichgekehrtheit. Wenn das ein Traum ist, dann ist es ein Traum von Träumen. Vorübergehend unerreichbar für mahnende Weckrufe. Vorübergehend? Ja, denn kein Traum währt ewig, und von jedem Bild reißt man sich immer wieder los, auch wenn es länger an der Wand hängt, als beispielsweise ein mediales Bild im Gedächtnis bleibt. In Holger Kochs Parallelwelt gibt es viel Platz für Kontemplation, für das Reinhören in sich selbst. Jeder zieht sein eigenes Ding durch, das heißt ja, es werden eine Menge eigensinnige Ziele verfolgt. Etwa den Mond auf der Schnabelspitze balancieren oder gemeinsam auf einem hohen Ross reiten. Das hat alles keinen praktischen Nutzen, aber nur in einem engeren Sinn, in einem weiteren schon. Und auf den weiteren Sinn kommt es hier an. Bei Friedrich Schiller findet sich bekanntlich der Gedanke, dass der Mensch nur im Spiel ganz bei sich sei. Freilich, von außen betrachtet wirkt es unfreiwillig komisch, wie sich da jemand so ernsthaft einer unernsten Sache widmet. Alles nur Hokuspokus. Schrullig und versponnen. Wenn nicht überhaupt nur Scharlatanerie. Doch es ist letztlich der Sehnsuchtskern aller Arbeit, die Notwendigkeit auszuschließen und sich ganz der freien Entfaltung von Geist und Körper hinzugeben. Über Jahrtausende hinweg träumte der Mensch, so heißt es, ein Vogel zu sein. Flugzeuge sind kein Ersatz. Aber wenn der Mensch einmal frei ist wie ein Vogel, wird er dann fliegen wollen, wenn er’s nicht muss? Das wird man dann sehen. Bis dahin spielt es die Kunst, will sagen: spielen es die Bilder von Holger Koch unter anderem durch. Nebenbei gesagt gibt es ja auch im wahren Leben Vögel, die es als Zumutung empfinden, fliegen zu sollen. Das Huhn beispielsweise. Oder der Strauß. Im vorigen Jahr sprach ich mit einer Gruppe von Schulkindern über die Fabel. Zufällig war das auch gerade regulärer Schulstoff. Dabei hörte ich folgende, ungefilterte Meinung: „In der Fabel reden die Tiere und handeln wie Menschen. Das ist interessant. Aber dass es dann einen Sinn gibt, und wenn man den erkannt hat, ist Schluss, das ist doof.“ Richtig. Die schöne Idee wird in den Käfig einer Moral gesperrt, wo sie als Mittel zum Zweck jämmerlich verkümmert. – In einem Film von Pier Paolo Pasolini, „Große Vögel, kleine Vögel“, gibt es einen Handlungsstrang der im Mittelalter spielt. Da sind zwei Geistliche unterwegs, ein junger und ein alter, um den Ungläubigen und Unwissenden, auch den ungläubigen Tieren, die frohe Botschaft zu verkünden. Sie beginnen mit den Vögeln auf dem Felde, die freilich zwitschern und flattern und picken, als gäb’s nichts anderes. Für die Worte des Glaubens sind sie taub. Nach einer Weile kriegt der jüngere von den Beiden mit, dass sich die Vögel durch Hüpfen verständigen, nicht durch Singen. Also hüpfen die Prediger nun ihren Text, was einigemaßen albern aussieht, worauf die Vögel aber, die, wie man durch Untertitel erfährt, auch noch mittels Flugfiguren kommunizieren, was ihnen freilich kein Mensch nachmachen kann, einen theologisch-philosophischen Disput beginnen. Ob die Bekehrung am Ende gelungen ist, bleibt offen, aber die beiden Geistlichen haben sich für kurze Zeit ein wenig in Vögel verwandelt, zugegeben: komische Vögel, doch die Erfahrung hat sie bereichert und dem, wonach sie suchten, wesentlich näher gebracht als der gewöhnliche Dienst am Glauben. Der Käfig hat sich geöffnet. Holger Koch ist 1955 in Freiberg / Sa. geboren. Er studierte in Dresden und Leipzig. Seit 1988 arbeitet er freischaffend in Freiberg. Neben Malerei und Zeichnung gibt es von ihm Druckgrafik und Keramik. Meist fängt er die Melancholie der Zeichnung mit optimistischer Farbgebung auf, seltener ist es umgekehrt. Was er überhaupt nicht tut, ist, alles in der Soße eines einzigen Gefühls zu ersäufen. So bleiben seine Träume und seine Bilder am Leben. Meine Damen und Herren, der Zugang zur Kunst ist immer spekulativ. Man rätselt – oder man spart sich das und fragt den Künstler gleich selbst, was er sich gedacht hat. Aber ob ihm das alles gleich wieder einfällt? Und ob er das dann auch noch sagen möchte? Probieren Sie es aus, der Künstler ist ja, wie es immer so schön heißt, anwesend. Jedoch, versäumen Sie darüber nicht das Selbergucken, sonst kaufen Sie die Katze im Sack – und haben dann einen ganz anderen Hausgeist. Ich könnte Ihnen außerdem noch raten, sich ein wenig in Vögel zu verwandeln, aber das ginge dann doch zu weit. Ich danke Holger Koch und der Galerie Laterne für die Möglichkeit, mich zu den Bildern zu äußern und wünsche der Ausstellung Erfolg. Haben Sie einen schönen Abend. Danke für die Aufmerksamkeit. Hans Brinkmann, Chemnitz, 7. März 2016