13.06.2007Holger Koch bei art & form

Farbige Melancholie eines Mondraubes

Zu allen Zeiten und bis heute werden Menschen geraubt. Stammten sie aus bedeutenden Familien, fand ihr Schicksal Eingang in Sagen und Geschichtsschreibung. Die Entführung königlicher Frauen und Kinder - die Herrscher selbst waren als Beute ungeeignet — löste fast immer Rachefeldzüge aus. Bisher galt der Raub der Europa als das dreisteste Bubenstück in Sachen gewaltsamer Frauenbeschaffung bis Holger Koch vom Mondraub berichtete. Wenn das keine Steigerung ist, nach einem Erdteil nun gleich einen ganzen Himmelskörper zu mausen! Kochs Entführer ist ein seltsamer Vogel in gepunktetem Kleid. Den Kopf senkrecht aufgereckt, hält der orange, kirchturmspitzenartige Schnabel den Erdtrabanten, der sein Halbmondgesicht aufgesetzt hat. Ein Wesen mit blauem Holzkopf steht daneben, die Augen geschlossen und wohl erschrocken, welche Folgen diese Tat haben könnte. Frau Luna schreit nicht um Hilfe aus ihrem kirschroten Mund, nur das Auge blickt etwas traurig, wohl in Erinnerung an die Gemeinschaft unter den Sternen, die als winzige helle Punkte aus dem Nachthimmel pieksen. Von dieser Art Geschichten erzählt Holger Koch auf allen seinen Bildern. Da treffen sich eigentümliche Wesen, um etwas Eigenwilliges zu tun, seltsame Menschen, nie gesehene Tiere, Gegenstände mit Gesichtern. So lustig und skurril die Bewohner der Bildlandschaften auch gewachsen sind, haben sie nichts von Karikaturen, die Witzigkeit verbreiten. Eher liegt ein Hauch von Melancholie über den Szenen, ohne die es keinen Humor gibt. Kochs fantastische Erfindungen schweifen weit wie eine Märchenstunde. So heißt eins seiner poetischsten Werke: Auf der gepolsterten Lehne eines hohen roten Sessels mit verträumten Augen balanciert ein rosa Mondlein. Vom Fußboden hat sich eine grüne Schlange aufgerichtet, von hinten blickt ein kleiner Schrank herüber, von der Lehne ein zweibeiniges Tier mit weißem Brillengesicht herunter - und alle lauschen andächtig der Erzählung des großen Sessels. Holger Koch wurde 1955 in Freiberg geboren. Von 1976 bis 79 besuchte er die Abendschule der HfBK Dresden, anschließend studierte er fünf Jahre an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Seine Arbeiten jedoch lassen sich, die Ausfüllung des Formates inbegriffen, ohne Anstrengung der Dresdner Malkultur zurechnen. Für Ölgemälde, Monotypie oder Aquarell steht ihm die ganze Palette zur Verfügung, in der er sich aus Herzenslust bedient. (Ausgenommen die Radierungen und Zeichnungen in Schwarzweiß.) Aber so, wie er die Farben stimmt - grelle, gar neonlichtige oder poppig kunterbunte sind ihm fremd -, sie setzt und kombiniert, erzeugen sie fein gestimmte Heiterkeit im Malerischen. Eine Sonderstellung im Œuvre nehmen seine Stadtlandschaften ein, in der große Vögel zu Hause sind: »Weißer Star« oder »Vater und Sohn«, ein Rabe auf dem Dach, einer auf der Straße. Eher monochrom gehalten erinnern sie in ihrem skulpturalen Farbauftrag und der Atmosphäre an die Gemälde des kürzlich verstorbenen Winfried Dierske. Koch hat die Personage seiner Bilder vom Zweidimensionalen ins Dreidimensionale gehoben und sie aus jedwedem Material noch einmal geschaffen; kleine Skulpturen aus dem Land des Wunderbaren und des Lächelns. JACOB RICHARD