2005Malerei von Holger Koch im „Refugium“

Komische Geschichten parallel zum Leben

Eines der wichtigsten und persönlichsten Bilder der neuen Ausstellung des Malers Holger Koch (geb. 1955 in Freiberg) im „Refugium\" trägt den Titel „Überland\" (Öl, 2005). Ein kleines, berstend volles Auto, in dem die ganze Familie, Vater, Mutter, die beiden Kinder und der Kater sitzen, schiebt sich, frech grinsend, durch die Landschaft, auf dem Dach als Leuchte ein krummnasiger Mond. Von links nach rechts hat sich die Landschaft verändert, man kommt aus dem Frühling in den Herbst, ganz wie im richtigen Leben. Diese Hommage an die eigene Familie besticht durch ihre Naivität und ihre große, kindhafte Fantasie, wie eigentlich alle Bilder der Ausstellung. Koch ist Karikaturist und Philosoph in Personalunion und erzählt in seinen Parallelwelten poesievolle Geschichten über das Leben. Anders als es gewesen ist, aber immer ein wenig mitten ins Zentrum treffend, verarbeitet er in seinen Bildfantasien eigenes Erleben, auch Bestürzendes und Komisches. Sein Bildkanon enthält Vögel aller Art, besonders Rabe und Eule, die meist auf dem Dach sitzen, Schwein, Stier und Hirsch, der Mond und die Kerze, auf manchen Bildern auch der Brief, Symbol für die Rätselhaftigkeit verborgener Botschaften, die den Betrachter immer wieder anziehen. Die kubische Kreatürlichkeit seiner Figuren ist zum Markenzeichen seiner Kunst geworden. Dicke Rüssel und spitze Schnäbel, brettartige Köpfe und seltsam geöffnete Schläuche scheinen einem Gruselmärchen entnommen. Oft stapeln sich die Figuren über einander wie bei den Bremer Stadtmusikanten. Manchmal balanciert an der Spitze eine brennende Kerze. Surreales entsteht durch die irrationale Mischung von Bildelementen. „Es geistert in ihm rum\" (S. Auchrich-Rogge), und zwar seit frühester Jugend. Das Ausleben seiner übergroßen Fantasie wurde ihm dabei lebensnotwendig. Skurrile Situationen im Alltag übersetzt er in eine eigene Bildsprache, wie etwa in „Ausreißer\\\\\\\\\\\\\\\" (Öl, 2005), eine Kreuzung aus Schneemann und Elefant, allesamt Bilder, die auch und besonders Kinder ansprechen. Feinsinnige Betitelungen unterstreichen die Komik des Bildes und führen zusätzlich zu Fragezeichen, die dem Betrachter geboten werden, damit er sich seine eigenen Geschichten erzählen kann. Ein großer Genuss aber für den Betrachter ist Kochs sonore, tiefgefühlte Farbigkeit schwerer Blaus, Rosas und Rots, die die ganze Palette umfasst und die durch ein festliches, intensives und lebendiges Schwarz gesteigert wird. Durch den immer pastosen Auftrag der Farbe entstehen Spiegelungen und Brechungen. Das hat etwas von der plastischen Kompaktheit des Holzspielzeugs oder von Baukästen, wie wir sie als Kinder noch hatten. Dieses Bauen mit immer wieder gleichen Bildelementen in stets anderen Kombinationen ist das Wesentliche Kochscher Handschrift, das einen Wiedererkennungseffekt möglich macht. Solch eine große Originalität hat nicht jeder Künstler. In den Tusche- und Bleistiftzeichnungen ist die Skurrilität ins Kafkaeske übersteigert. Eine Serie aus sechs Blättern vereint Lebenskomik und Spieltrieb zu markanten, ganz wörtlich zu nehmenden Bildfantasien („Das Versteck\\\\\\\\\\\\\\\", 2002). Verschieden bemalte, aus Pappmache, Draht, Knöpfen und Holz gefertigte Flugobjekte und Vögel bevölkern den Himmel eines der schönen Räume der Galerie. Holger Koch studierte von 1976 bis 1979 an der HfBK Dresden an der Abendschule Malerei und Grafik, von 1980 bis 1985 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Seit 1988 ist er freischaffend als Maler und Grafiker in Freiberg tätig.