01.01.2006Holger Koch in der Galerie Schmidt-Rottluff - von Reinhold Lindner

Fantasiewelt hält Betrachter den Spiegel vor

Chemnitz/Freiberg. Es ist ein \\\"Selbstbildnis\\\", das der Freiberger Maler Bolger Koch in der Ausstellung der Galerie Schmidt-Rottluff in Chemnitz zeigt. Aber seltsam: Der Künstler ist gar nicht zu sehen. Oder doch? Das Gemälde heißt lapidar \\\"1955\\\", der gerade geborene Holger Koch muss es sein, den der Maler Koch da drin in der kinderwagenähnlichen Märchenfuhre versteckt, die Mama der Fantasie fahrt das hoffnungsvolle Kind unsichtbar, durch Freiberg, die Heimatstadt. Aber irgendwo sind zwei verschmitzte Äuglein doch das Zeichen des Zukünftigen dieser Biografie. Aus dem Kleinen-Passagier wird der sehr sichtbare Künstler Holger Koch, einer der originellsten Maler weit und breit. Und das Schönste an seinen Bildern ist dieses weite Feld der Fantasie, das er uns öffnet, das Geheimnisvolle, das zuweilen sehr skurril verkleidet ist wie in der Geisterstunde, einer kleinstädtischen Spukszene, Budenzauber draußen vor der Tür. Solche \\\'Wesen können unsereinen ja höchstens mal in Träumen anwandeln. Und er, er schöpft beneidenswert aus einem schier unergründlichen Repertoire von Traumgesta1ten. Heiter, durchaus hintergründig, höchst liebenswert. Aber tiefster Ernst. Auch Heiterkeit ist tiefer Ernst. Und wenn man womöglich denkt, das komme spielerisch zustande, muss man wissen, dass Holger Koch über lange Distanzen von Zeit und Erfahrung, suchender kritischer Beobachtung, dieses Repertoire immer wieder erneuert. Nichts wiederholt sich, auch wenn es so aussieht, als kehre in den wundervollen Pastellen oder den malerischen Farblithografien so manches aus den Ölbildern wieder und umgekehrt. Jene Kunst, die wir hier so konzentriert vor Augen haben, ist nicht aus dem Hut oder gar aus der Flut - wie es in einem der Bilder scheint, „Sammelstelle“ malerischer Utensilien der Fantasie. Zubehör der eigenartigen, eigenwilligen Gestalten. Wunder über Wunder vollziehen sich. Briefe haben Beine, Fische tragen auf ihren Dackelbeinen Strandgut am Meer entlang, im Lampenladen spiegeln wir uns im Licht, alles ist maskiert. Formschöne Rüssel und elegante lange Hälse – ja, auf einmal wird man gewahr: Der Koch entlarvt uns mit seinen Larven! Denn die Masken sind das Wesen, was dahinter steckt ist der Schein. Pierrot tanzt auf dem Mond, aber wer ist der Gaukler, dieser tanzende Harlekin oder der Maler, der ihn im Handumdrehen auf den Mond versetzen kann? Und nicht genug - über allem schwebt ein Geschwader von wahrhaft bunten Vögeln, fliegenden Würmern, balzenden Nacht-Bar-Schwärmern. Plastische Objekte zum Anfassen, aber Vorsicht: Sie färben ab, sie verzaubern alle Grapscher in sich selbst. Die Ausstellung am Markt 1 ist! bis 17. April werktags, 10 bis 18 Uhr, samstags, SO bis 14 Uhr, geöffnet.